Die faulen Radler unterwegs in Turkmenistan

Erstellt am 2019-06-09

Touristenvisa für Turkmenistan sind teuer - man muss eine Tour über eine Reiseagentur buchen, die schnell über hundert Dollar am Tag kosten kann. Die meisten Individualreisenden besuchen Turkmenistan daher nur mit einem Transitvisum, das üblicherweise für fünf Tage ausgestellt wird und mit dem man das Land an einer anderen Grenze, als wo man es betreten hat, verlassen muss. Vom Iran nach Usbekistan ist die Entfernung durch Turkmenistan ca. 550km. Viele Radreisende, zumindest die, deren Blogs wir gelesen haben, nehmen die Herausforderung an, die Strecke in fünf Tagen auf dem Rad zu bewältigen. Wir sind aber keine Hardcore radler. Im Schnittfahren wir um die 60-70km/Tag und sind bisher nur an einem Tag mehr als 100km gefahren. Wir zelten selten zwei oder mehr Tage hintereinander und finden alle möglichen Ausreden, um nicht zu campen - zu heiß, zu kalt, zu regnerisch, zu hohe Gefahr von Gewittern, zu bergig, zu flach, zu nah an Menschen. Wir wollten außerdem mehr Zeit haben, um das Land zu erkunden, und nicht die gesamten fünf Tage nur auf dem Sattel zu verbringen. Unser ursprünglicher Plan war also, in 2,5 Tagen die ca. 230km nach Bayramaly zu fahren und dann die Ruinen der antiken Stadt Merw in der Nähe zu besichtigen. Danach wollten wir mit dem Bus oder Zug nach Türkmenabat fahren, von wo aus es nur 30km zur usbekischen Grenze sind.

Online findet man nur wenig Informationen über das Reisen in Turkmenistan. Unsere wertvollste Quelle war das Caravanistan-Forum, in dem wir Berichte von anderen Leuten, die durch das Land gereist waren, lesen konnten. Wir bekamen den Eindruck eines verschlossenen und isolierten Landes, welches von verrückten Präsidenten regiert wird und wo alles mögliche verboten ist - Einheimische sollen keinen Kontakt zu Ausländern haben (daher ist Couchsurfing illegal und man kann seinen Gastgeber in ernste Schwierigkeiten bringen, wenn man erwischt wird), die meisten Webseiten sind gesperrt und man darf keine Fotos von staatlicher Infrastruktur oder öffentlichen Gebäuden machen. Wir hatten außerdem gehört, dass die Grenzkontrollen streng seien und bis zu zwei Stunden dauern können, da das Gepäck genauestens untersucht wird und viele Formalitäten erledigt werden müssen. Unser erster Eindruck im Land war dann jedoch ziemlich anders. Im Gegensatz zur iranischen Seite der Grenze, wo wir beim Verlassen des Landes ausführlich befragt wurden, wurden wir auf der turkmenischen Seite von freundlichen Beamten ins Land gelassen, die uns in geordneter Weise zu den verschiedenen Stationen brachten (Arzt, Passkontrolle, Bezahlen der Eintrittssteuer, Zollkontrolle) und alles war recht efffizient erledigt. Nach 45 Minuten waren wir raus aus der Grenzkontrolle und in Turkmenistan!

Da der offizielle Wechselkurs von der Regierung festgesetzt wird, existiert ein Schwarzmarkt, auf dem der Wechselkurs ca. fünfmal so gut ist, wie der offizielle. Dies hatten wir glücklicherweise schon im Voraus in Erfahrung gebracht, so dass wir einen guten Kurs aushandeln konnten. Die Schwarzmarkthändler hingen direkt hinter dem letzten Zollgebäude herum und riefen uns schon "change money" zu, während unsere Pässe noch kontrolliert wurden (so viel zum höchst illegalen Schwarzmarkt). Was wir nicht wussten, war, dass dies der "neue Manat" ist, der den "alten Manat" 2009 zum Kurs von 5000 alten Manat zu 1 neuen Manat ersetzte, und dass Händler manchmal noch die Preise in alten Manat nennen. Das erste Mal ist uns dies in einem Restaurant passiert, das zwar eine Speisekarte mit Preisen hatte, wo jedoch auf der Rechnung alles mal 5 gerechnet war. Wir waren schockiert und dachten, dass der Mann uns über den Tisch ziehen wollte, aber er korrigierte sich schnell, als wir nach der Speisekarte fragten, also war alles gut. Dies passierte noch ein paar mal mehr, unter anderem als wir 50 Manat für Essen bezahlten, das (wie wir dachten) 32 Manat kosten sollte, und die Verkäuferin uns einen Berg Wechselgeld gab. Wir namen nur 20 Manat zurück und bestanden darauf, den Rest zu bezahlen, und merkten erst später, dass das Wechselgeld auf einen Preis von 6,4 Manat hinauslief - wieder der gleiche Faktor 5. Einmal tippte eine Verkäuferin sogar den Preis in neuen Manat in ihren Taschenrechner, multiplizierte ihn mit 5 und zeigte uns dann das Ergebnis (was wir natürlich wieder durch 5 teilen mussten, um herauszufinden, was wir ihr bezahlen sollten). Keine Ahnung, warum Verkäufer noch zehn Jahre nach der Geldumstellung ihre Preise in alten Manat angeben.

Das Radfahren lief auch nicht wie geplant. Am ersten Tag im Land hatten wir starken Gegenwind und krochen mit ca. 10km/h die Straße entland. Zusammen mit einem späten Start und der Zeit am Grenzübergang hatten wir am Abend nichtmal 50km geschafft und waren am Ende. Weitere 180km in 1,5 Tagen? Konnten wir gleich vergessen. Wir schlugen unser Zelt auf und beschlossen, am nächsten Tag nur nach Tejen, dem nächstgelegenen Bahnhof auf der Hauptstrecke von Ashgabat nach Türkmenabat, zu radeln und von dort mit dem Zug nach Bayramaly zu fahren.

Wir hatten starken Gegenwind auf dem Weg von Sarahs nach Tejen, kamen nur sehr langsam voran und waren daher froh, als uns ein Einheimischer anbot, uns für ein paar Kilometer auf seinem Lasten-Motor-Dreirad mitzunehmen.

Wir hatten starken Gegenwind auf dem Weg von Sarahs nach Tejen, kamen nur sehr langsam voran und waren daher froh, als uns ein Einheimischer anbot, uns für ein paar Kilometer auf seinem Lasten-Motor-Dreirad mitzunehmen.

Zu unserer Überraschung sahen wir abends in der Ferne ein Gewitter und außerdem regnete es mitten in der Nacht. Tatsächlich regnete es fast jeden Tag als wir in Turkmenistan waren, einschließlich eines Gewitters in unserer letzten Nacht in Türkmenabat. Die Wüsten waren grün und die Kanäle waren voll, aber solches Wetter ist definitiv nicht normal für Juni. Der Klimawandel ist real!

Wir überqueren einen überraschend großen Fluss auf dem Weg von Sarahs nach Tejen. Die ganze Gegend war grüner als wir erwartet hatten.

Wir überqueren einen überraschend großen Fluss auf dem Weg von Sarahs nach Tejen. Die ganze Gegend war grüner als wir erwartet hatten.

Am nächsten Tag ereichten wir nach einer weiteren, monotonen Fahrt entlang der schnurgeraden Wüstenstraße Tejen und versuchten, am Bahnhof Fahrkarten zu kaufen, wurden jedoch nur von dem alten Mann hinter dem Schalter angeschrien (er schien auch alle anderen Kunden anzuschreien). Glücklicherweise fanden wir jemanden, der uns dabei helfen konnte, den alten Mann zu verstehen, und er sagte, dass wir ohne Ticket in den Zug steigen könnten. Er stellte uns einem Polizisten vor, der erklärte, dass er uns bei Ankunft des Zuges helfen würde. Als der Zug dann Einfuhr, nahm uns der Polizist zum Gepäckwaggon mit, wo wir unsere Fahrräder verluden - und bedeutete uns dann, selbst in den Gepäckwaggon einzusteigen. So fuhren wir also als blinde Passagiere im Zug!

Abendessen und Tee im Gepäckwaggon des Zugs von Tejen nach Bayramaly

Abendessen und Tee im Gepäckwaggon des Zugs von Tejen nach Bayramaly

In Bayramaly übernachteten wir bei einem Couchsurfing-Gastgeber, einem der wenigen, aktiven Gastgeber im Land und der einzige in der Region (erzählt es nicht den Behörden). Wir verbrachten einen halben Tag damit, die antike Stadt Merw zu erkunden, ein Gebiet, das seit 3000 v. Chr. bis ins 18. Jh. von Menschen besiedelt war. Im Verlauf ihrer Geschichte wechselte die Stadt wiederholt ihre Herrscher, wurde nacheinander vom Achämenidenreich, Nachfolgern Alexanders dem Großen, Arabern, Türken und der Safawiden-Dynastie beherrscht und war im 12. und 13. Jh. eine der größten Städte der Welt. 1221 wurde die Stadt von einem einfallenden Mongolenstamm zerstört und gelang nie wieder zu ihrer ehemaligen Blüte zurück. Heute besteht die weitläufige, archäologische Stätte aus mehreren getrennten, ummauerten, sehr nahe beieinander gelegenen Städten mit nur wenigen Überresten von Gebäuden darin.

Einheimische Touristen auf den Überresten der Wallanlage des Erk Kala, dem ältesten Teil des antiken Merw, gebaut im 7. Jh. v. Chr. Die meisten Frauen, die wir im Land gesehen haben, tragen diese Art von traditionellem Kleid und Kopfbedeckung.

Einheimische Touristen auf den Überresten der Wallanlage des Erk Kala, dem ältesten Teil des antiken Merw, gebaut im 7. Jh. v. Chr. Die meisten Frauen, die wir im Land gesehen haben, tragen diese Art von traditionellem Kleid und Kopfbedeckung.

Die Zeiten der Züge von Bayramaly nach Türkmenabat waren alle ungünstig. Entweder Abfahrt oder Ankunft waren zu unmenschlicher Stunde mitten in der Nacht, so dass wir stattdessen mit dem Bus fuhren. Selbst mit 90km/h war die Landschaft immer noch schrecklich eintönig und wir waren froh, dass wir uns entschieden hatten, diese Strecke so abzukürzen. In Türkmenabat checkten wir für 10$/Person in das günstigste Hotel der Stadt ein. Wir hatten Berichte anderer Reisender gelesen, dass Turkmenistan eines ihrer teuersten Reiseländer war, vor allem wegen den Unterkünften, da Ausländer immer ein Vielfaches des Preises für Einheimische für das gleiche Hotel bezahlen müssen und es keinen Weg gäbe, dies zu umgehen. Nichtsdestotrotz erschien uns unser Hotel in Türkmenabat ein ganz vernünftiger Deal zu sein, und nachdem wir dafür bezahlt hatten, waren immer noch zu viele nicht umtauschbare Manat übrig, die wir ausgeben mussten, bevor wir am nächsten Tag das Land verlassen würden. Letztendlich haben wir ein paar Stunden auf dem Basar verbracht, unsere Lebensmittelvorräte aufgestockt und Kuchen gegessen.

Dächer Türkmenabats. Weiße Wände und grünes Dach scheinen die beliebteste Kombination in Turkmenistan zu sein.

Dächer Türkmenabats. Weiße Wände und grünes Dach scheinen die beliebteste Kombination in Turkmenistan zu sein.

Alles in Allem haben wir unseren kurzen Aufenthalt in Turkmenistan genossen. Wir haben freundliche und entspannte Leute getroffen, was eine willkommene Abwechslung vom intensiven Iran war. Auch wenn wir nur ca. ein Drittel der Strecke durch das Land geradelt sind, hatten wir dadurch Zeit (oder waren eher gezwungen), mehr Menschen zu treffen, mehr Sehenswürdigkeiten zu besuchen und vielleicht ein bisschen mehr über das Land zu lernen.

Mit den verrückten, russischstämmigen Nachbarn unseres Couchsurfing-Gastgebers in Bayramaly. Als wir sie baten, uns kurz ihr Handy zu leihen, um unseren Gastgeber anzurufen, luden sie uns in ihr Haus ein und stopften uns mit Kartoffelpüree, Kuchen, Tee und Wodka voll...

Mit den verrückten, russischstämmigen Nachbarn unseres Couchsurfing-Gastgebers in Bayramaly. Als wir sie baten, uns kurz ihr Handy zu leihen, um unseren Gastgeber anzurufen, luden sie uns in ihr Haus ein und stopften uns mit Kartoffelpüree, Kuchen, Tee und Wodka voll...